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Spartas Erstarrung und Abstieg
(Prof. Dr. Hans F. K. Günther)
Im  6. Jh. v.d.Z. vollzog sich in Sparta eine Verengung des menschlichen Wesens und Wirkens, der Beginn einer Erstarrung, die schließlich den Abstieg mitbewirkt hat. Sparta wurde die altgesinnte Macht, die in den anderen hellenischen Staaten die Herrschaftsform der Tyrannis bekämpfte, die aus der Beseitigung von Adelsherrschaften hervorgegangen war. Noch im 6. Jh. v.d.Z. steht Sparta mächtig da; es ist unbestritten die Vormacht für ganz Hellas und übt in allen hellenischen Staaten seinen Einfluß aus. Man kann in dem Menschenalter vor Ausbruch der Perserkriege die Blütezeit des Spartiatentums erblicken (siehe Wilhelm Roscher). Gegen den nach Hellas gerichteten Vorstoß des übermächtigen Perserreiches hat Sparta die Führung übernommen, eine Führung, die ihm von den
anderen hellenischen Staaten nicht bestritten worden ist. Die anderen Staaten würden
sich ohne Sparta wahrscheinlich in eine Oberherrschaft des Perserkönigs gefügt haben,
wie dieser sie über hellenische Bevölkerungen Kleinasiens schon ausübte. Unter dem spartanischen Feldherrn Pausanias kämpften bei Plataiai im Jahre – 479 die Spartaner und Plataier als Kern des hellenischen Aufgebots gegen das persiche Heer. Den höchsten Glanz spartanischer Waffenehre und Staatsgesinnung hatte der Fall der Spartaner unter dem König Leonidas im Engpaß von Thermopylai bedeutet, als im Jahre ― 480 der König sich
mit 300 Spartanern und 700 Thespiern freiwillig für Hellas opferte. Die Spartiaten
verloren bei den Thermopylen etwa ein Zwanzigstel ihres Bestands; der Todeskampf der Dreihundert hat zwar durch Aufhalten des persischen Vormarsches die Flotte der Athener gerettet, konnte jedoch für den Ausgang des Feldzugs nicht viel bedeuten, aber die Größe der Tat, die Selbstopferung der Spartaner, nicht nur für Sparta, sondern für ganz Hellas, wirkte fortan wie ein Preislied auf das spartanische Wesen und überzeugte die anderen Hellenen, daß Hellas nur zu retten war, wenn Sparta es führte und Spartas Krieger den
Kern des hellenischen Heeres stellten. In Sparta hat der Untergang der 300 bei den Ther-
mopylen als Aufruf weiter fortgewirkt, solange es noch spartanische Geschlechter gab.
Noch im 5. Jh. v.d.Z. blieb Sparta mächtig und gefürchtet. Aber der Abstieg durch Aussterben der Spartiatenfamilien war vorbereitet: schon die Verluste von Thermopylai
waren nicht mehr auszugleichen. L. Ziehen nimmt an, daß die Zahl der Spartiaten schon zwischen den Perserkriegen und dem Peloponnesischen Kriege stark abgenommen habe.
Im Jahre –480, zu einer Zeit als die spartanische Schicht noch aus etwa 7–8000 Familien-
häuptern bestand, hatten die Spartaner bei Thermopylai zwar anscheinend noch ohne Bedenken 300 ihrer tüchtigsten Männer geopfert; aber spätestens nach dem verlust-
reichen Erdbeben von -464 erfolgte der Einsatz spartiatischer Krieger mit immer
größerer Vorsicht, damit nicht weitere unersetzbare Verluste entstünden. Das Aussterben der Adelsgeschlechter muß also bemerkt worden sein. Das Erdbeben von -464 war nach Plutarchos (Kimon, 16) das furchtbarste, das je vorgekommen war. Nach Diodoros (XI,
63, 1) sind dabei 20 000 Lakedaimonier umgekommen. Diese Zahl ist nach Ziehen wahr-
scheinlich nur wenig übertrieben. Beim Erdbeben stürzte das Gymnasion, das große, den Leibesübungen dienende Hallengebäude, ein und begrub unter sich die Epheben, die heranwachsenden Jünglinge und die ihnen beistehenden Männer. Viele Frauen und Kinder in der Stadt Sparta wurden von einstürzenden Häusern begraben.
Eine unmittelbare Folge des Erdbebens war der Aufstand der Heiloten in Lakonien und der messenischen Bauern, deren Vorfahren zu Heiloten geworden waren: sie erschlugen
die auf ihren Gütern in Messenien weilenden Spartiaten. Von einem nach Messenien gesandten spartanischen Heere unter dem Feldherrn Arimnestos, der bei Plataiai den persischen Anführer gefällt hatte, fielen im Kampfe 300 Spartiaten. Messenien konnte erst nach zehnjährigen Kämpfen und großen Verlusten durch ein spartanisches Heer unter Archidamos wieder unterdrückt werden. Dies war der III. Messenische Krieg. Die Verluste der spartiatischen Schicht konnten jetzt nicht mehr ersetzt werden. Die Staatskunst Spartas verengte sich seit dem Erdbeben zu einem Bemühen um Bestandserhaltung, einer Abwehr gegen den Niedergang, der seit dem Aufstand der Messenier offenbar geworden war. Vom früheren Gedeihen und einstigem Wohlstand ist seit dem Erdbeben in Sparta nichts mehr zu finden. Die Drohung von Westmessenien her bleibt bestehen; von der Ostgrenze, von Argos her, erheben sich neue Gefahren; Kämpfe mit Argos waren zu bestehen, das Kynuria an die Spartaner verlor.
Aus dem spartiatischen Mannschaftsverband entstand ein spartiatischer Männerbund, dessen  Geist die Familie in Sparta zerstört und so schließlich Spartas Macht ausgehöhlt
hat. Die Abirrung des Mannschaftverbandes zu einem eigentlichen Männerbunde, wie er sonst in der Regel nur bei mutterrechtlicher Familienordnung gefunden wird, hat schließ-
lich gerade die Erhaltung der spartanischen Geschlechter gefährdet und endlich deren Aussterben beschleunigt.
Die Erstarrung des Staatswesens war vollzogen, als Ende des 5. Jh. v.d.Z. das Epho-
rentum über das Königtum gesiegt hatte, als bedeutende Männer wie Pausanias und Leotychidas, Könige und Feldherren, abgesetzt und zum Tode verurteilt werden konnten, so in den Sechziger Jahren des 5. Jh. v.d.Z. Um -400 herrschte in Sparta die kalte, herri-
sche Selbstsucht, gebändigt durch eine harte Manneszucht im Männerbund. Gegen fremde Gedanken und Menschen war Sparta nun abgeschlossen. Dadurch ist das Land sicherlich
vor dem Eindringen minderwertiger oder aufrührerischer Menschen bewahrt geblieben,
wie sie in Athen in größerer Zahl zuwanderten und Peiraieus bevölkerten; es hat sich aber auch gegen den Zuzug hervorragender Männer verschlossen, dem Athen wertvolle Kräfte verdankt. Man fürchtete in Sparta wie im republikanischen Rom den Einfluß fremder Anschauungen, Lehren und Sitten. Sparta wollte seine lykurgischen Sitten ungefährdet bewahren; es hatte den Wert seiner Sitten für den Schutz und die Erhaltung seiner Fami-
lien erkannt und muß auch erkannt haben, daß schon eine Anzweifelung durch fremden Geist, eine Gefährdung der Auslese bedeute. Aus Plutarchos (Lykurgos, 13) ergibt sich,
daß Wesen und Bedeutung der Sitte begriffen wurden, daß man eingesehen hatte, es sei besser, Gebote und Verbote seien in Sitten befestigt als allein in Gesetzen ausgespro-
chen;  die Gesetze müßten als Sitten in Gesinnung und Gemüt der Bürger wurzeln. So muß der unbegrenzte Wert der Sitte, der begrenzte des Gesetzes etwa in dem Sinne erkannt
worden sein, der sich aus der Schilderung germanischen Lebens bei Tacitus (
Germania, 19, 15) ergibt: gute Sitten gelten bei den Germanen mehr als bei den Römern gute Gesetze.    
Aus dieser Gewißheit von Bedeutung und Wert der Sitte ergibt sich die spartanische Beargwöhnung fremder Menschen und fremden Geistes. Plutarchos meint, Lykurgos habe Sparta vor „sittlicher Ansteckung“ noch mehr behüten wollen als vor Einschleppung von Seuchen. Die Abschließung des Landes wurde aber schließlich zu einer Erstickung des spartanischen Lebens selbst und geschah schließlich nur noch in der engherzigen Absicht, das Hergebrachte und Bestehende ohne Abänderung zu erhalten. Sparta blieb so zurück in einer sich wandelnden Zeit, es verlor die Vorherrschaft über Hellas, weil sein Blick sich
auf die Peloponnes verengte und weil es unbelehrbar daran festhielt, man könne neue Lagen mit den bewährten oder gewohnten Mitteln der herkömmlichen Staatskunst meis-
tern, wenn nur durch dauernde Übung das spartanische Landheer immer bereit stehe. (…)
Bestand und Macht der Herrenschicht waren zum Dahinschwinden bestimmt, als in
einem Zeitabschnitt, der noch nicht genau bestimmt werden konnte, vielleicht zu Beginn des 4. Jh. v.d.Z., durch das Gesetz des Epitadeus alles Ackerland aus Staatsbesitz in Einzelbesitz überging, als aus unveräußerlichen Erbgütern, gleichsam Erblehen des Staates an die spartiatischen Geschlechter, nunmehr veräußerliche Besitztümer von Einzelnen wurden, deren Vererbung auf Nachkommen nicht mehr gesichert war, weil der Einzelne jetzt durch letzten Willen frei verfügen durfte. Die Verfügungsfreiheit konnte zu ver-
schleierten Verkäufen führen, jetzt, nach Einführung einer Währung, zu Verkäufen gegen Geld. (…) Aus der Adelsherrschaft mit ländlicher Gesinnung war so eine Herrschaft städtischer Reicher (Oligarchie) entstanden, die der Zersetzung verfiel.
Die Folge des Gesetzes war die Vereinigung mehrerer Güter in der Hand weniger, über-
mächtig werdender Spartiaten, also die Bildung von Großgütern,  die von einer gewissen Verhältniszahl ab immer eine Gefährdung des Staates bedeuten. Durch Bildung großer Güter bei Abnahme des mittleren und kleinen Landbesitzes ist im Verlauf der Geschichte der meisten Völker indogermanischer Sprache eine Wendung zum Unheil eingetreten. Im Spartiatentum entstand der Gegensatz der vielen Armen gegen die wenigen Reichen. Spartiaten, die nicht mehr die Kosten ihrer Rüstung tragen konnten und den Beitrag zu
den Gemeinschaftsmahlzeiten nicht mehr aufbrachten, verloren die vollbürgerlichen Rechte und sanken in ein Spartiatentum verminderten Rechts hinab, auf die Stufe der hypomeiones, der Minderberechtigen, etwa die Stufe des Perioikentums. Seit dem Ende
des 5. Jh. v.d.Z. begannen Söhne aus solchen herabgedrückten Spartiatenfamilien wie Kinadon auf Umsturz zu sinnen. (…)
Mitte des 5. Jh. v.d.Z. war die unheilvolle Verschiebung der Besitzverhältnisse schon so weit vorgeschritten, daß wenige mächtige Geschlechter den größten Teil des Staatsbür-
gerlandes besaßen und daß von diesen Großgütern 2/5 im Besitze von Erbtöchtern waren, in deren Familien also kein männlicher Erbe mehr lebte. (Aristoteles:
Politiká II, 9, 15 und Plutarchos: Agis, 5, 7).
Unter Agis III. (nach der Mitte des 3. Jh. v.d.Z.), war nach Plutarchos (Agis, 7) „vom Reichtum Spartas der größte Teil in Händen von Frauen“;  die meisten aber hatten sich einem Wohlleben hingegeben. Die reichen und unabhängigen Erbtöchter wurden zu einem weiteren Unheil für den Staat, den zur gleichen Zeit der Peloponnesische Krieg mehr und mehr schwächte und dessen Herrenschicht schon an Zahl geschrumpft war.
Zur Ausmerze der spartiatischen Schicht trugen äußere Ereignisse (das Erdbeben) und innere Wandlungen (das Erbtöchterwesen) bei. Verlustreiche Kämpfe mußten gegen
Argolis und Arkadien geführt werden, dann gegen die Erhebungen der Heiloten; schließlich konnte auf einen Ersatz der Verluste durch Geburten nicht mehr gehofft werden. (…) Eine Sage berichtet, daß schon –700 im 1. Messenischen Kriege, als die Spartaner gelobt hatten, nicht vor dem siegreichen Ende zurückzukehren, der Krieg sich aber in die Länge zog, die Kriegführenden befürchtet hätten, es werde bei längerer Abwesenheit der Männer an Nachwuchs fehlen; darum sei die jüngere Mannschaft, die an das Gelübde nicht gebunden war, nach Sparta zurückgesandt worden, damit sie für die eidgebundenen älteren Krieger Nachkommen zeugen. Die so gezeugten Kinder sind nach einem Bericht
partheniai ge-
nannt worden, Jungfrauensöhne; sie sollen später die dorische Neusiedlung in Taras (Tarent) gegründet haben. (Aristoteles:
Politiká V, 7, 2) und Strabon (VI, 3, 2) haben darüber geschrieben. (…) Unheimlicher aber als die äußere Gefährdung durch Kriegs-
verluste war die innere durch Abnahme der Geburten bei Zerfall der Familie.
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