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Richtlinien zum Kulturkampf
(Dr. Carlos Dufour)
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Taktik kalkuliert. Strategie plant. Handlung zielt. Links: Friedrich Nietzsche. Rechts unten: Antonio Gramsci.
Jenseits der Politik steht niemand, es sei denn, er ist bereits tot. Da die Politik alle menschlichen Objekte umfaßt, bleibt nur die Entscheidung, ob man auch Subjekt sein will. Sagen wir es klar und deutlich: ›Metapolitik‹ klingt zu sehr nach Jenseits und endet oft diesseits der Politik: man reproduziert auf kultureller Ebene die Schwäche der politischen Gruppierungen, die überwunden werden sollten. Deshalb wollen wir im folgenden den vorbelasteten Term ›Metapolitik‹ vermeiden und statt dessen von einem politisch bezogenen Kulturkampf sprechen.(1) Das Ziel einer solchen kulturel-
len Initiative ist selbstverständlich: durch eine Arbeit über Vorstellungen, Ideen, Überzeugungen, Begründungen u. v. m. die Politik vorzubereiten, zu begleiten oder zu verstärken. Andererseits sind manche Besonderheiten dieser Arbeit nicht mehr selbstverständlich, wie die Verwirrung mancher Stiftungsmacher ausreichend belegt.
Wenn man Strategie sagt, soll dies in gewissem Kontrast zur Taktik geschehen, obwohl beide Elemente sich durchdringen und der Unterschied graduell ist: oft müssen wir von eher strategisch und eher taktisch sprechen. Taktik ist eine Menge von Regeln über eine kurzfristige Abfolge von konkreten Manövern, die von der Situation abhängen. Strategie ist eine Reihe allgemeiner Richtlinien, welche die möglichen taktischen Schläge im Gesamtbild ordnen. Taktik kalkuliert, Strategie plant.
Taktik allein hängt vom Zufall ab, kann aber den Gegner empfindlich treffen und
in aller Kürze das Gefecht entscheiden. Strategie allein erringt dagegen keinen Erfolg, sie muß vervollständigt werden – aber sie ermöglicht umfangreichere Siege auf sicheren Wegen. Punktuelle historische Beiträge (etwa der Nachweis einer Dokumentenfälschung) sind als taktische Errungenschaften anzusehen, zusammen-
hängende historiographische Projekte stufen wir als strategisches Unternehmen ein. Die geeignete Form, die Resultate bekanntzumachen, die Publizistik, ist wiederum eine Angelegenheit eher taktischer Natur.


Beschränkung und Reichweite

Ein bekannter Streit. Für manche bestimmen die Ideen die Realität, für andere ist es umgekehrt. Für manche muß man sich zuerst auf die erfolgreiche Verbreitung der Ideen konzentrieren und erst dann an die Macht denken. Die anderen erwidern, daß eine erfolgreiche Verbreitung der Ideen bereits eine gehörige Portion Macht verlangt. Also erschallte unermüdlich die Frage: was ist zuerst zu unternehmen, Politik oder Metapolitik? Aber so lange die Positionen so formuliert werden, ähnelt alles der alten Streitfrage, ob zuerst die Henne oder das Ei da war.
Eine kulturelle Strategie kann einiges leisten, aber der Realist berücksichtigt ihre Beschränkungen. Wie gesagt, muß man taktische Elemente im Auge behalten, die immer situationsbezogen sind. (2) Ferner gibt es im Kulturprozeß einen langen Weg zwischen Input und Output, währenddessen ist die kulturelle Strategie auf externe Faktoren angewiesen. Die Abhängigkeit von Finanziellem, Gesellschaftlichem und Politischem steht außer Frage.
Hauptsächlich sollte man die intellektualistische Fehleinschätzung, die manche Anhänger der alten Metapolitik begünstigt haben, definitiv aus der Welt schaffen.
Zu sehr an Gramsci orientiert, nahmen sie Nietzsche und Pareto kaum zur Kenntnis. Sie dachten an ein kleines Modell, nämlich die Erklärung von individuellen Handlun-
gen durch Überzeugungen, und extrapolierten es auf die Politik. Nehmen wir an, daß Sie auf ein Rennpferd, Sonnenpfeil, wetteten. Anscheinend erklärt man Ihre Ent-
scheidung vollständig, wenn man anführt, daß Sie der Überzeugung waren, Sonnen-
pfeil würde das Rennen gewinnen. Zusätzlich nimmt man an, der Intellekt liefere die Gründe für Ihre Überzeugung. Wird dieses Erklärungsschema verallgemeinert, verfällt man leicht der Annahme, daß eine intellektuelle Beeinflußung der Überzeugungen langfristig die Macht mit sich bringt.
Aber weder stimmen die zwei Prämissen, noch sind sie ausreichend für den inten-
dierten Schluß.(3) Eine Überzeugung kann eine Handlung nur bestimmen, wenn u. a. ein entsprechender
Wunsch besteht. Falls Sie ein Bettelmönch sind und in Armut leben möchten, wird die Überzeugung von der Tüchtigkeit Sonnenpfeils Sie nicht
zum Wetten veranlassen.(4)
Auch wenn Überzeugungen und Wünsche menschliche Handlungen erklären könnten, ist damit nicht gesagt, daß solche Vorstellungen (Überzeugungen und Wünsche) in der Regel intellektuell beeinflußbar wären. Diese Vorstellungen können in Instinkten, Neigungen, Lebenslauf und biologischen Anlagen wurzeln, die nicht mehr durch Argumente zu erschüttern sind. Die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einer Gruppe, einer Rasse, einer Generation oder einem Geschlecht erzeugt und festigt manche Vorstellungen, macht sie von jeder Begründung unabhängig und gegen jede Widerlegung immun. Für die Mehrheit der Menschen sind Ideen grundsätzlich nicht Träger von Wahrheit und Falschheit, sondern ein Zeug, das sich als nützlich, wohl-
tuend, schmerzhaft, bequem oder unbequem, elegant oder altmodisch auswirken kann. So ist für die Mehrheit der Gebrauch einer Idee nicht anders als der eines Hutes, eines Parfüms oder eines Aspirins. Daher wollen wir mit der ›Kraft der Ideen‹ nicht übertreiben. Gewöhnlich greift man zu Ideen wie zu Konsumgütern eigener Art.
Ob wir es wollen oder nicht, erweisen sich Institutionen als stärker denn Ideen.
Es gab eine Zeit, wo der Marxismus-Leninismus als Lehre mächtig war und sogar im Westen mit wohlwollender Aufnahme rechnen konnte – aber kaum verschwindet die Sowjetunion, wird diese Lehre zur Antiquität, die nur ein paar Außenseiter ernst nehmen. Freilich hat die Aufklärung die Lehren der Kirche in Bedrängnis gebracht, aber die Kirche als Institution bleibt bestehen. Diese Beschränkungen zeigen, daß
die Ideen nicht allmächtig sind. Wenn wir die Illusionen darüber verlieren, können wir uns endlich ganz nüchtern an die Arbeit machen. Dazu setzen wir nur folgendes voraus:

 Bei manchen Menschen sind manche Vorstellungen immer intellektuell
   beeinflußbar.
 Viele Menschen lassen sich durch die (verkörperten) Vorstellungen anderer
   Menschen beeinflußen.
 Auch wenn Institutionen mächtiger sind als Ideen, bilden Ideen einen Teil
    ihrer Macht, auf den sie nicht verzichten können.
 In Krisenzeiten geraten Institutionen unter Legitimationzwang.
 Unter Legitimationszwang wächst die Macht der Ideen.
 Es mehren sich die Anzeichen, daß wir auf eine Krisenzeit zusteuern.

Daraus ergibt sich, daß auch unter realistischer Erwägung aller Beschränkungen eine kulturelle Strategie in absehbarer Zeit Machtverhältnisse beeinflussen kann. Für einen kulturellen Kampf sollen, wie für jede Konfrontation, stets folgende vier operative Grundregeln gelten:

 Bestimme die Stärken und Schwächen des Gegners.
 Versuche seine Schwächen auszunutzen oder seine Stärken zu verringern.
 Überprüfe deine eigenen Stärken und Schwächen.
 Versuche deine Stärken auszubauen / deine Schwächen zu mildern.

Wir werden dies später veranschaulichen, aber zuerst ist anzugeben, wie die methodischen Phasen der Arbeit aussehen.

(1) Wir werden hier Kultur ausschließlich unter dem Aspekt des Wissens erfahren. Von der Problemaik der Kunst, symbolischer Handlungen usw. wird abgesehen.
(2) Z. B. ist das Europa der siebziger Jahre mit seinem relativen Wohlstand und seiner Muße vorbei, die Rezeptivität des Publikums geringer.
(3) Nämlich die zwei Prämissen, a) daß Überzeugungen Handlungen vollständig erklären und b) daß intellektuelle Erwägungen die Überzeugungen verursachen. Jedoch sind (a) und (b) auch nicht ausreichend für den Schluß. Dazu sollte man noch die fragwürdige Prämisse hinzufügen, c) daß die Ansammlung der individuellen Handlungen die Machtverhältnisse bestimmt. Aber es könnten andere (kollektive) Kräfte im Spiel sein und die Resultante der individuellen Handlungen unvorhersehbar machen.
(4) Die Intellektualisten erwidern, daß die Überzeugung ,,Geldbesitz ist gut", den Wunsch nach Geld verursacht; so wären Wünsche letztendlich auf Überzeugungen zurückführbar. Aber wir verstehen es gerade umgekehrt: weil Sie sich das Geld wünschen, sind Sie überzeugt, Geldbesitz sei gut.

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