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Sieg des Latinums über das Etruskertum 
(Prof. Dr. Fritz Schachermeyr)
Beheimatet waren die Etrusker ursprünglich in Westkleinasien, nahe der Küste.
Dem Blute nach waren es vorwiegend Kleinasiaten, aus westischen, ostischen und auch armenoiden Elementen gemischt. Dazu kam aber noch ein indogermanischer Einschlag, der sich auch in ihrer sonst ägäischen Sprache als Beimischung bemerkbar zu machen vermochte. Die indogermanische Komponente dürfte ursprünglich die Oberschicht dargestellt haben, doch unterlag sie einer ständig zunehmenden sprach-
lichen wie rassischen Anatolisierung. Sie teilte also das Schicksal des Aufgehens im Volkstum der Untertanen, wie es die Arier in Syrien oder die Normannen in Süd-
italien betroffen hatte. Geblieben ist der Herrenschicht die der nordischen Art entsprechende ritterliche Lebensform, ja sie wurde mit besonderer Hartnäckigkeit gepflegt. Ihr wehrtechnischer und zugleich symbolhafter Ausdruck war wiederum der Streitwagen. So zeigte sich der etruskische Adel zwar nicht mehr so sehr in seiner inneren Haltung, wohl aber in der äußeren Lebensform dem des benachbarten Griechentums wie auch dem der Hethiter und Phryger ähnlich. Gleich den Ariern im syrisch-mitannischen Bereich, gleich auch den Hethitern und Phrygern, erwies sich das indogermanische Element im Etruskertum als recht anfällig, vor allem in reli-
giöser Hinsicht. So waren die Etrusker in Blut, Sprache und kulturellen Belangen
(die Ritterschaft ausgenommen) mehr die Repräsentanten Anatoliens als des Indogermanentums. Ihr politisches Zentrum fanden die Etrusker in der Stadt Tyrsa (daher Tyrsener von den Hellenen genannt). Sie trieben rege Seefahrt und scheinen die Küsten Attikas gebrandschatzt zu haben.

1. In ihre neue Heimat brachten die Etrusker eine Fülle von fremdartigen Kultur-
beständen (Kunstgewerbe, weitere Ausgestaltung der keramischen Buccherotechnik, Förderung der metallurgischen Werkarten, Einführung anatolischer Gefäßtypen),
aber vor allem die ritterliche Lebensform, die Bewaffnung, den Streitwagen und die Clientelidee, zu der sich schon bei den Hethitern Ansätze erkennen lassen. Klein-
asiatisch sind auch die Götter, vor allem aber die kultischen und rituellen Bindungen. Nicht der phrygische, sondern der hethitische Typus fremdideologischer Durchkreu-
zung tritt uns hier entgegen. Die Parallelen zum hethitischen Kleinasien sind ganz
erstaunlich und gelten keineswegs der Leberschau allein. Die Vorzeichenangst wie Sündebänglichkeit Anatoliens kehrt bei den Etruskern wieder und ist in das lebens-
feindliche skurrile Sammelsurium der Etrusca Disciplina eingegangen. Auch das Symbol der göttlichen und nachher der politischen Macht, das wird von Kleinasien nach Etrurien verpflanzt, desgleichen die Idee des feudalen Familiengrabes. Die Italiker hatten ihre Toten in schlichten Einzelgräbern beigesetzt. Nun werden gemauerte Grabkammern angelegt, ungeheure Schätze als Totenbeigaben angehäuft, monumentale, von Phallen gekrönte Tumuli als Wahrzeichen aufgerichtet. Alles Eigentümlichkeiten, wie sie zum Teil im mykenischen Kreis oder bei den Phrygern vorgebildet und im dazwischenliegenden Raume Westkleinasiens alsbald nachgeahmt worden waren.
Für Italien bedeutete das Auftreten der Etrusker eine gewaltige Umwälzung. Durch sie fand die indogermanische Idee des Rittertums, welche zuerst von den Hethitern, dann von den Achäern, schließlich von den Hellenen und bis zu den Phrygern über-
nommen worden war, ihren Weg weiter nach Westen. Die Griechen, welche seit dem 8. Jh. in Italien kolonisieren, sind damals bereits daran, die Formen alter Ritterlich-
keit abzustreifen. Ihr Adel  neigt dazu, den Streitwagen mit dem Reitpferd zu vertauschen. In den gleichzeitigen Griechengräbern hat die alte Form der Ritter-
lichkeit auch keinerlei Spuren mehr hinterlassen. Von den Etruskern und nicht von den Griechen gehen daher  jene ritterlichen Einflüsse aus, welche von manchen Italikerstämmen, besonders aber von den in Italien eingedrungenen illyrischen Völkerschaften, aufgenommen wurden.

2. Die Etrusker brachten  (mit den Griechen) die städtische Zivilisation (an der Ägäis und in Westkleinasien seit ältester Zeit heimisch ― Troia!). Darauf gründet sich ein Tatbestand von größter weltgeschichtlicher Tragweite: Etruskische Adelige fassen in Latium die bäuerlichen Dorfgemeinden zu Städten zusammen. So erlangte Rom durch das Geschlecht der Ruma einen städtischen Mittelpunkt, um nachher unter den Tarquiniern zu beachtlicher Macht aufzusteigen. Es kann aber als sicher gelten, daß es den aus Etrurien zugewanderten feudalen Geschlechtern niemals gelungen ist, Rom in Sprache und Volkstum zu etruskisieren. Ganz im Gegenteil, sie verfielen selbst, unter Aufrechterhaltung der äußeren etruskischen Lebensformen, einer weitgehenden Latinisierung – eine typische Erscheinung, die sich immer wiederholt, wenn landfremder Adel die Macht ausübt: Er wurde seinem ethnischen, d. h. rassisch-volkhaften Bestande nach von der Masse des Untertanenvolkes aufgesogen.

3. Die Einführung etruskischer Religionsvorstellungen wurde von nicht geringer
Bedeutung. Die kleinasiatischen Götter traten allerdings bald gegenüber den boden-
ständig italischen wie später auch hinter den griechischen zurück, um nur mehr als Heroen und Dämonen ein bescheideneres Dasein zu fristen. Nur die
Etrusca Disciplina kann sich behaupten. Armenoide Neigung zu Zergeistigung, Höllenfurcht und Sünden-
pein wurzelte sich ein und hat von Rom und Toscana aus düstere Schatten über alle späteren Kulturen wie Epochen Europas geworfen. Im allgemeinen haben die Latiner und hat damit auch Rom ― abgesehen von der
Etrusca Disciplina ― einer geistigen Überfremdung erfolgreichen Widerstand geleistet ― nicht nur gegenüber Zügen anatolischer Art, sondern auch gegenüber der nach griechischem Maßstab gemessen überalterten Idee der feudalen Ritterschaft. Allzusehr war sie bei den Etruskern schon der Eigensucht, der Unbeherrschtheit und damit einer inneren Zersetzung verfallen. In gleicher Weise rang sich Rom los von einer übersteigerten, die Gemein-
schaft verleugnenden Schätzung der Sippenidee. Die Städte Etruriens waren ob des ethnischen Zwiespaltes im eigenen Lande nie zu echten Gemeinschaftserlebnissen gelangt. In Rom, wo das Latinertum eindeutig obsiegt, dienen die ersten Zeiten der Republik dazu, die Eigenwilligkeit mancher Adelsgeschlechter in die Gemeinschaft zurückzuzwingen. Der Stolz der Fabier wird gebrochen. Der Ritter wandelt sich zum Bauernkrieger und damit zum verantwortungsbewußten Träger einer in Bäuerlichkeit wie Einsatzbereitschaft wurzelnden Staatsidee. Er bildet im Senat die Auslese der wahrhaft Besten und teilt in den Comitien die Macht mit der weiteren Gemeinschaft. So hat Rom seine Etruskerzeit von innen her überwunden und dadurch erst die Voraussetzungen für seinen unerhörten Aufstieg geschaffen.


(Aus: Indogermanen und Orient. Ihre kulturelle und machtpolitische Auseinandersetzung im Altertum, Stuttgart 1944, von uns zusammengestellt und -gefaßt)
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