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Religion der Zukunft
(Dipl.-Ing. Alfred Rosenberg)
Religion der Zukunft

Mit der weltanschaulichen Auseinandersetzung geht es alo um das Leben selbst, um jene Substanz, die alle Kultur Europas und Amerikas geschaffen hat, ja auch ― trotz allen Ableugnens ― dem Christentum einst die moralische Festigkeit, die nationale Farbigkeit und die symbolische Kraft in seinen Bauwerken, Gesängen und Gebräuchen gegeben hat.
Diese Betrachtungen halten sich in den Grenzen des Erfaßbaren. Über das Innerste ist darüber hinaus nichts Abschließendes ausgesagt worden. Nach dem Verzicht auf überlebte Formen und Legenden bleibt die Frage nach wahrer Religion: Von der ›inneren Erfahrung‹ sind alle großen Männer ausgegangen, vom ›Fünklein‹ in der Seele Meister Eckeharts, dem ›Atman‹ der Inder, während die philosophischen Köpfe von der Erkenntnis der Idealität
von Raum und Zeit aus in der Möglichkeit einer
„inneren Welt der Freiheit“ (Kant) auch
das Denken an die Seite des religiösen Erlebens stellten. In der Lehre von den vier Ehr-
furchten, gipfelnd in der höchsten,
„Ehrfurcht vor sich selbst“ (Goethe), wurde eine
neue Prägung stolz-demütiger Welthaltung gefunden.
Mit dieser Betonung des gotterfahrenden Innern ist aber von jeher der tiefer empfin-
dende Mensch einer wundersüchtigen Dogmatik gegenübergetreten. Das Wort vom ›Himmelreich in euch‹ hat hier eine nahverwandte Seite angeschlagen. Es gehört
durchaus zu jenem Bekenntnis, das die alten Inder mit der Atman-Brahman-Gleichheit ausdrückten, was Platon mit der Ideenlehre anzudeuten versuchte, was Kant mit dem
Problem Freiheit-Unsterblichkeit umschrieb, was Bach in Tönen dichtete und Beethoven beseelte.
Diese aus Raum, Zeit und Kausalität nicht deutbare, nur an ihr sich auswirkende
innerste Aktivität, die wir vielfach Seele nennen, ist der Ur-Boden, das Wesen und die unmittelbare Erfahrung eines Metaphysischen. Kirchen, Sekten, streitende Wunder-
dogmen, Scharlatane, Ekstatiker haben sich dieser Seele bemächtigt, sie mit Formeln behangen und anstatt sie freizukämpfen, dem überlieferten Aberglauben noch neuen dazugefügt.
Aus diesem Stückwerk, Gestrüpp und Unterholz wachsen nun aber doch unbeirrbar die ganz Großen empor auf allen Gebieten des Lebens und grüssen sich als Verwandte über
alle Verwünschungen der Kasten, Konfessionen, Sekten hinweg. Denn das Gemeinsame
ihrer Größe ist die Kraft der Seele, des Fünkleins, des Atman, der Persönlichkeit, des inneren Himmelreichs. Und mag der eine Gott sagen, der andere Schicksal oder Vor-
sehung, der dritte ohne Begriff die Fünfte Symphonie komponieren oder ein Selbstbildnis malen, sie haben in diesen Schöpfungen und Bekenntnissen alle eine wahre Religion verkündet. (…) Erst diese Einheit und ihr Erleben könnte uns einer Europa würdigen Religionsform entgegenführen.


Unsterbliche Symbole

Daß dieses überall vorhandene Empfinden an einen harten, heute nur noch unwahr-
haftigen Wunder-Aberglauben gebunden erscheint durch die Last der theologischen Über-
lieferung, darin liegt seit langem die religiöse Krise unserer Zeit eingeschlossen. Das Erkennen und Anerkennen der Einheit dieser alles umfassenden, sich in und an allem äußernden Seelenkraft könnte echte Duldsamkeit zwischen den Geisteslagern, aber auch eine Überbrückung all jener Klüfte, ja ein Zuschütten dieser Abgründe herbeiführen, die sich zwischen den großen Genien der europäischen Kultur und den heutigen Konfessionen aufgetan haben. Denn auf der Seite der wahrhaft Weisen hat man nie behaupten wollen, daß sich Geist und Seele des Menschen an einer Erkenntnis, einem Vernunftschluß,
selbst nicht an einem echt mystischen Erleben genügen lassen könnten. Jede wahre Erkenntnis will anschaulich werden, jedes wahre Erleben sucht und bildet sich Symbole,
die über die sterblichen Generationen und Organisationen hinaus bleibende Zeichen sein sollen.
Die sogenannten Madonnenbilder wurden unter der Hand der Europäer zum Gleichnis
des Lebens überhaupt, jede Familie wurde zur Heiligen Familie, Madonna und Jesuskind
zu Mutter und Kind.
Der Wappen-Adler des Reiches und die alten Fahnen der Regimenter, das sind Zeichen
der Ehre und der Treue auf dieser Welt, Gleichnisse von Opfern, die zahlreicher sind, als das, was es sonst an Opfern gegeben hat. Und sie bleiben diese Symbole, gleich welche Irrtümer hier mitgefochten haben mögen, gleich welche äußere Gestalten die Idee des Reiches auch in zwei Jahrtausenden angenommen hat. Die Türme der Kirchen und Kathe-
dralen sind stolze Zeugen inmitten der Demut und Ergebung. Und das Kreuz wurde das Zeichen für alle, die ein nicht faßbares Schicksal schlug, so tief, daß ein persönliches Empören nicht mehr zu helfen vermochte, nur eine innere Ergebung in ein als metaphy-
sische Macht sich äußerndes Geschehen. Und für alle, denen nicht das Auge das vermit-
telnde Medium ist, bedeuten Lieder und Gesänge, Symphonien und Dramen die Wege
zum Innern der Welt, wie für andere die Berichte über das Leben von Heiligen,
Forschern und großen Ketzern.


Heilige Kunst

Da Europa sich erst nach und nach einer von außen gekommenen Religion angleichen konnte, so wurde die Kunst das Mittel europäischer Heiligkeit. Ohne sie wären weder die Chronik der Bibel noch das Leiden des Jesus von Nazareth, geschweige denn aber all die Dogmen lebensfähig geblieben. Wenn man die ›Bekennenden‹ ganz ernst nähme,
abtrennte, was die Seelen der europäischen Völker dem Christentum geschenkt haben, dann wäre von diesem schon lange nichts mehr übrig als die Erzählung von einem edlen Menschen, der einst von der Macht eines palästinischen Hasses zermalmt worden war.
Diese Eiferer leben noch von dieser künstlerischen Seele der Völker, von der Symbolkraft ihrer Sinne, von den Werten ihres Charakters, die alle einst mit diesem Blut erschienen
sind und unweigerlich mit ihm untergehen würden, falls die Mulattisierung der Welt, vom Christentum dogmatisch unterstützt, wirklich Tatsache werden sollte. Nie wird ein noch
so gläubiger Hottentotte Kathedralen bauen, nie ein Neger eine Fünfte Symphonie
dichten, ja kaum verstehen. Und es wäre auch ungerecht, dies zu erwarten.
Ist Religion Selbst-Behauptung oder Selbst-Erniedrigung? Das erste sagten uns die Gott-schalk und Eckehart, Goethe und Lagarde, das andere lehrten Paulus und Ignatius,
Gregor VII. und Pius IX. Einst konnte man noch den königlichen Reiter im Bamberger Dom beherbergen; der seelische Flagellantismus seit dem Tridentiner Konzil aber hat ihn verdrängt. Noch ein Luther konnte Gott als eine Burg bezeichnen, die ›Bekennenden‹
von heute aber sind zu den Gefühlen der ostmittelmeerländischen Offenbarung zurück-gekehrt.
Das ›innerste Selbst‹ (die genaue Übersetzung des indischen Atman) als ein Zeugnis Gottes sehen oder als sündige Verworfenheit gegenüber dem ›ganzen Anderen‹, das ist
die weitere Darstellung des auf dem Boden des dogmatischen Christentums unlösbaren Problemes. (…)


Religion oder Philosophie

Es bleibt nun aber die weitere Frage der heute behaupteten Einheit von Körper-Seele-Geist. Die mittelalterliche, christliche Anschauung trennte die Seele radikal vom Leibe,
die spiritualistische sah den ›reinen Geist‹ als allein wesentlich und nannte alle Betonung des Leibes ›materialistisch‹. Wie kann man aber noch eine Unsterblichkeit für denkbar halten, wenn diese Einheit Wirklichkeit ist und beim Tode des Körpers somit auch die geistigseelische Persönlichkeit für immer dahinsinken muß? Mutige und scheinbar folge-richtige Menschen haben auch erklärt, von der Idee der persönlichen Unsterblichkeit Abschied nehmen zu müssen. Der Mensch lebe fort in seinen Kindern oder in seinen
Werken. Oft habe ich mit meinen Kameraden darüber gesprochen und dabei den
Gedanken vertreten, daß zwar einige Wenige diese Anschauung durchhalten könnten,
nie aber ein ganzes Volk, das mit sicherem Instinkt mehr fordere. Aber auch ein weiteres Nachdenken fordere mehr.
Ich habe in einem Vortrag vor wenigen Menschen 1944 mich bemüht, darüber Rechen-
schaft abzulegen, und als symbolhaftes Beispiel die Musik genannt. Sie sei rein mathe-
matisch erfaßbar und doch ―
oder eben deshalb ― die geheimnisvollste Macht. Eine
Melodie sei zugleich mechanistisches Schwingungsverhältnis und die Stimme einer
gänzlich unmechanistischen Welt. Das bekannte Wort Kants vom bestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir, die unser Dasein ausmachten, müßte in seinem Sinne ergänzt werden, daß sie nicht im Verhältnis von Ursache und Wirkung zueinander stünden: als zwei getrennte Welten, die nicht aufeinander zurückzuführen sind. Das
heißt, daß die in den Formen von Raum, Zeit und Kausalität bestehende Welt in aller
ihrer Gesetzlichkeit anerkannt wird ―
und der religiös-moralische Wille auch. Symbolisch: Mathematik und Musik sind gleichzeitig da, aber wesentlich verschieden. Der unmittelbar religiöse Mensch braucht diesen langen Weg des Denkens nicht (Meister Eckehart), aber
wer die große, seit Jahrhunderten heraufdämmernde Krise ergründen will, muß den Weg des Denkens gehen, bis zu der Zeit, da ein Reformator eigenen Rechts auftreten wird,
um ein gereinigtes Symbol des religiösen Lebens zu schaffen.


(Aus: Alfred Rosenberg, Großdeutschland. Traum und Tragödie, 1970)
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