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Götter, Feste und Riten der Kelten
(F. Le Roux & C.-J. Guyonvarc’h / Jean Markale)
Aus den mündlichen Überlieferungen der vorchristlichen irischen Mythologie und aus Caesars Werk Der gallische Krieg wissen wir von fünf keltischen Hauptgöttern:

Lug: Hauptgott, der  über alle Götter erhaben ist. Die Iren nennen ihn samil-dánach, was soviel bedeutet wie ›Aller Künste kundig‹, da er all das, was die anderen Göttern vermögen, selbst beherrscht.

Dagda: Gott des Himmels. Er ist der göttliche Druide, Herr über Ewigkeit, Zeit, Elemente und Weisheit. Seine Attribute sind ein Kessel, der unerschöpfliche Mengen an Speisen enthält, und eine Keule, mit der er nicht nur Lebende zu Tode bringen, sondern auch Tote wieder zum Leben erwecken kann.

Ogmios: Kriegsgott, Gott der Magie, des gesprochenen und schriftlichen Wortes.  

Diancecht: Gott der Medizin. Nach einer Schlacht setzt er dem verwundeten König Nuadu, der im Kampf seine Hand verloren hat, eine künstliche Hand aus Silber an. Er wirft die schwer verwundeten und gefallenen Krieger in eine ›Quelle der Gesundheit‹, wo die Verletzten genesen und die Toten zu neuem Leben erwachen.

Brigid: Der irischen Definition nach ist sie die weibliche Göttin, die Erhabene, Mutter der Götter, der Schmiede und der Mediziner. Entsprechend der Funktion, der sie zugeordnet wird, trägt sie verschiedene Namen. Boand, als Gemahlin des Ogmios, Étain als Irlands Königin und Gemahlin des irdischen Königs Eochu und ist ebenso die Königin der Anderen Welt.

(Nach: F. Le Roux & C.-J. Guyonvarc’h : Les Druides et le Druidisme 1995)


Das keltische Jahr ist durch eine zentrale Achse zwischen 1. November und 1. Mai deutlich in ein Sommer- und ein Winterhalbjahr unterteilt. Die Feste der Druiden
fanden in Wirklichkeit 40 Tage nach einer Sonnenwende oder nach einer Tagund-
nachtgleiche statt. Das hängt damit zusammen, daß der Zeitraum von 40 Tagen als Periode der Erwartung, der Entwicklung und Vorbereitung auf das Fest betrachtet wurde, während das Fest selbst dann als Kristallisationspunkt der freigesetzten Energien galt.

Samhain, das höchste Fest, findet. am 1. November statt; sein irischer Name Samhuin entspricht dem gallischen samonios, der im Coligny-Kalender erwähnt wird, jenem bedeutendsten Zeugnis für die Kalendereinteilung der heidnischen Kelten. Samhain bedeutet etymologisch ›Ende des Sommers‹ (mit anderen Worten: Winteranfang) und ist der erste Tag des neuen Jahres, genauer gesagt: die erste Nacht, da die Kelten nicht die Tage, sondern die Nächte zählten. Man mag sich darüber wundern, daß der Beginn des neuen Jahres mit dem Winteranfang zusammenfälIt, aber vergessen wir nicht, daß im Druidentum nach Caesar Dis Pater, also eine Gottheit der Finsternis, den Ursprung von Menschen und Dingen darstellt.
Das Samhain-Fest war ein zentrales Ereignis für die keltische Gemeinschaft, an dem alle Mitglieder teilnehmen mußten. So heißt es in der Erzählung von der Geburt des Conchobar:  „Jeder der Ulates, der nicht zur Samhain-Nacht erschien, wurde wahnsinnig, und bereits am nächsten Morgen wurde sein Tumulus, sein Grab und sein Grabstein errichtet“. Das Fest diente einerseits zur Versammlung aller Männer und Frauen der Gemeinschaft, dort wurden die politischen, ökonomi-
schen und religiösen Angelegenheiten besprochen. Andererseits fanden endlose Festgelage statt, bei denen Schweinefleisch verzehrt und Wein getrunken wurde, denn das Fleisch des Schweines verleiht Unsterblichkeit, wie die Sage von den ›Schweinen des Mananann‹ zeigt, während der Wein trunken macht; Trunkenheit aber ist jener Zustand der Ekstase, in dem man die Realität verlassen kann, um sich für das Übernatürliche zu öffnen. Die Samhain-Nacht ist nämlich die Nacht der Begegnung zwischen Lebenden und Toten:

Die sidh (die Hügel, in denen Götter und Helden wohnen, werden zugänglich, und die beiden Reiche durchdringen einander. Das christliche Allerheiligenfest, das an die Stelle der Samhain-Nacht getreten ist, hat diesen Aspekt der ›Gemeinschaft der Heiligen‹ beibehalten, und in den angelsächsischen Ländern gehen viele Halloween-Bräuche auf die Riten und Maskeraden des keltischen Festes zurück.
Natürlich waren die Festgelage der herrschenden Klasse vorbehalten, das bedeutet, daß vor allem die Herrscher und Krieger daran teilgenommen haben werden. Es ist allerdings kaum anzunehmen, daß die Druiden davon ausgeschlossen gewesen sind. Dem Volk war der Jahrmarkt mit all den dazugehörigen Geschäften und Vergnügungen vorbehalten. Außerdem versammelten sich die Rechtsgelehrten, um die Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft zu regeln. Diese Versammlung stellte eine Art Thing dar, in dem die rechtlichen und politischen Angelegenheiten debattiert wurden.
Über das Ritual des Samhain-Festes wissen wir nur wenig. Fest steht aber, daß am Vorabend alle Feuer in Irland ausgelöscht werden mußten. Das war offenbar das Zeichen dafür, daß das Jahr ›gestorben‹ war; seine Wiedergeburt begann in dem Augenblick, als die Druiden das neue Feuer anzündeten. Dieses Brauchtum ist von den Christen vom 1. November auf Ostern übertragen worden. In der Samhain-
Nacht spielen sich alle bedeutenden mythischen Ereignisse ab: Schlachten, Reisen in die Andere Welt, Auseinandersetzungen mit den
Tuatha De Danann, der rituelle Tod des Königs oder der gewaltsame Tod des Helden, der ein gewichtiges Verbot übertreten bat. In der Samhain-Nacht wurde schließlich Mac Oc sowohl empfangen als auch geboren, denn da sich die Welt der Götter mit der  Welt der Menschen in dieser Nacht verbindet, ist in ihr auch der normale Zeitbegriff ausgelöscht: sie stellt eine neutrale Zeitzone dar. Als sich Mac Oc des Reiches seines Vaters bemächtigen will, Iäßt er es sich für einen Tag und für eine Nacht ― also für den Zeitraum des Samhain-Festes ― übergeben, was der Ewigkeit entspricht. Diese Vorstellung lebt noch im christlichen Allerheiligenfest weiter (vor allem wie es in der Bretagne gefeiert wird), obwohl die enge Verbindung mit dem darauffolgenden Allerseelenfest, dem Gedenktag für die Toten, die ursprüngliche keltische Konzep-
tion verschleiert. Für die Kelten bestand nämlich in dem Samhain-Fest kein Unter-
schied zwischen Lebenden und Toten, zwischen Göttern und Menschen, denn alles war ein Ganzes.
Auch wenn wir keinen Beweis dafür haben, ist anzunehmen, daß anläßlich dieses Festes dramatische Spiele aufgeführt wurden, die die großen Urmythen vergegenwärtigen. Das Fest dauerte drei Tage lang und bot daher genügend Zeit für die verschiedensten Aktivitäten (und Gelage!).

(Nach Jean Markale: Die Druiden 1985)       
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