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Thesen zum Rassismus
(Dr.Holger Schleip)
Die folgenden Thesen dienen nicht der Pflege irgendwelcher Feindbilder,
vielmehr sollen sie helfen, überkommene Feindbilder zu überdenken
und Gespräche zu ermöglichen,
insbesondere zwischen den Menschen,
die sich als Antirassisten verstehen, und den Menschen,
die zu recht als Rassisten bezeichnet werden.

1.
Der Begriff ,Rassismus‘ wird meist verwendet in einem Sinne derart, daß Rassismus schon per definitionem irrig oder böse oder beides zugleich ist. Ein solcher Rassis-
mus-Begriff eignet sich zur gesellschaftlichen Ausgrenzung tatsächlicher und ver-
meintlicher Rassisten, verhindert aber eine ernsthafte geistige Auseinandersetzung mit den Phänomenen und den Menschen, die als rassistisch gelten.

2.
Deswegen definiere ich Rassismus ohne Vorverurteilung als den sich auf Rasse beziehenden ›-ismus‹ ― als ein Fühlen, Denken und Handeln, bei dem Rasse (bzw. was darunter jeweils verstanden wird) eine zentrale oder zumindest wichtige Rolle einnimmt.

3.
,Rassen‘ seien dabei (bewußt unscharf) definiert als Fortpflanzungsgemeinschaften (neudeutsch: Genpools), die in der biologischen Systematik zwischen den mit (fast) jeder Generation neu gemischten Familien und den (fast) nicht mehr mischbaren Arten liegen und die zudem sich äußerlich erkennbar voneinander unterscheiden.

4.
Viele Antirassisten lehnen den Begriff ,Rasse‘ generell ab („Rassen gibt’s nicht;
nur Rassismus“,
Volker Sommer). Unter Umgehung des Rasse-Begriffes läßt ,Rassis-
mus‘ sich auch definieren als ein biologischer ,Gruppismus‘ (Kurt Willrich), der sich auf eine Fortpflanzungsgemeinschaft bezieht, die kleiner ist als unsere Spezies
Homo sapiens, aber größer und langlebiger als menschliche Familien.

5.
Rassismus läßt sich am besten verstehen durch Vergleiche mit anderen ,Grup-
pismen‘, also ›-ismen‹, gemäß denen der Umgang mit einem Individuum sich nicht primär an dessen individuellen Eigenschaften orientiert, sondern an dessen Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe, insbesondere daran, ob das Individuum der eigenen Gruppe zugerechnet wird oder nicht.

6.
Ein mit dem Rassismus vergleichbarer Gruppismus ist der ,Spezismus‘ (von lat. Spezies = Art, auch ,Speziesismus‘, engl. ,speciesism‘, eingeführt von dem Tierversuchsgegner Richard Ryder) ― jenes Fühlen, Denken und Handeln, das die Spezies-Zugehörigkeit in den Mittelpunkt stellt. Schlüsselbegriffe des Spezismus sind ,Menschenwürde‘ und ,Menschenrechte‘, also Würde und Rechte, die wir allen unseren Artgenossen zubilligen, aber allen zu anderen Arten zählenden Individuen vorenthalten: Mastschweine und Versuchkaninchen haben keine Menschenrechte, weil sie keine Menschen sind. Typisch für unseren Spezismus sind weiterhin Vorstel-
lungen einer besonderen Gott-Nähe der Menschen, sowie Sprachregelungen dahin-
gehend, löbliche Verhaltensweisen als ,menschlich‘ nach uns zu benennen, und tadelnswerte Handlungen als ,unmenschlich‘, ,viehisch‘, ,bestialisch‘ usw. auf andere Arten abzuwälzen. Spezismus bedeutet, sich beim Umgang mit Individuen mehr an Spezies-Eigenschaften zu orientieren als an individuellen Eigenschaften:
„Der Mensch ist ein geistiges Wesen, das Tier nicht“ ― deswegen dürfen wir Menschen generell nicht töten, auch neugeborene und geistig Schwerstbehinderte nicht, wohl aber geistig höher entwickelte Schimpansen.

7.
Ein weiterer mit dem Rassismus vergleichbarer Gruppismus ist jenes weit verbrei-
tete Fühlen, Denken und Handeln, das Familienbande in den Mittelpunkt stellt ― das Wort ,Familismus‘ liegt hierfür nahe. ,Familistisch‘ sind zum Beispiel das Fremdeln von Kleinkindern, die Erwartung sexueller Treue vom Ehepartner, der Anspruch der Wöchnerin auf
„ihr eigen Fleisch und Blut“, und das Erbrecht. Auch Antirassisten, die beim Thema Einwanderung rassistische Vorstellungen von ,gemeinsamem Blut‘ inbrünstig ablehnen, haben gegen die Herrschaft des Abstammungs-Prinzips in Ent-
bindungs-Kliniken oder gegen den Anspruch eines Kindes auf seinen ,Pflichtteil‘ beim Tod der Eltern wenig einzuwenden.

8.
Familismus, Rassismus und Spezismus sind analog strukturiert, auch wenn sie sich im Grad der Verwandtschaft ― gemäß den Individuen der eigenen bzw. fremden Gruppen zugeteilt werden ― erheblich unterscheiden. Das Fremdeln des Kleinkindes (Familismus), das sich an der Hautfarbe entzündende ›Ausländerraus‹ des hetero-
sexuellen jungen Mannes (Rassismus) und das
„Tiere-sind-keine-Menschen“ des schnitzelessenden Menschenrechtlers (Spezismus) – all dies sind Formen eines abstammungsorientierten Distanz-Bedürfnisses, das sich verkürzt, aber durchaus berechtigt ,Fremdenfeindlichkeit‘ nennen läßt.

9.
Nächstenliebe statt Fernstenliebe“ kann sinnvoll sein. Geschönte Bilder, die Kinder sich von ihren Eltern machen, oder Eltern von ihren Kindern, oder Ehepartner voneinander, können vorteilhaft sein, nicht nur für die betreffende Familie, sondern auch für das ganze Volk. Analog können geschönte Bilder vom eigenen Volk, der eigenen Rasse oder der eigenen Religionsgemeinschaft für die ganze Menschheit nützlich sein. Jedenfalls, wenn diese geschönten Bilder der liebevollen Pflege des eigenen Nestes dienen und nicht dem Eindringen in fremde Reviere. Also: ,Grup-
pismen‘ sind nicht unbedingt böse.                                                        

10.
Aus mosaischer Sicht zeichnet sich das eigene, als Abstammungsgemeinschaft aufgefaßte Volk gegenüber allen anderen Völkern durch eine göttliche Auserwähltheit aus. Auch wer den Begriff Rasse für die Gemeinschaft der Juden nicht gelten läßt, muß zugestehen: Die mosaische Auserwähltheits-Vorstellung ist ›typisch rassistisch‹ in dem Sinne, daß sie genau dem Denkmuster entspricht, das Antirassisten meinen als rassistisch verabscheuen zu müssen. Deswegen gilt: Konsequenter Antirassismus führt geradewegs zu dem, was gemeinhin Antisemitismus genannt wird. Verständnis für Rassismus hingegen schützt vor Antisemitismus.

11.
Die Strukturierung des Lebens in ungleiche Fortpflanzungsgemeinschaften hat
große biologische Bedeutung, denn jede Fortpflanzungsgemeinschaft stellt eine mögliche Antwort des Lebens auf sich ändernde Lebensumstände dar. Bestünde das irdische Leben aus nur einer Art, würde das Aussterben dieser Art das Ende des Lebens auf der Erde bedeuten. Besteht eine Art aus nur einer Rasse, dann bedeutet
das Aussterben dieser Rasse das Aussterben der ganzen Art.

12.
Der Grundsatz „Vielfalt sichert Zukunft“ gilt nicht nur für Wälder und Seen, sondern auch für die Menschheit: Eine Menschheit, die mit vielen verschiedenen Booten in Richtung Zukunft fährt, hat größere Überlebenschancen als eine Mensch-
heit, die in ein gemeinsames Boot steigt (Irenäus Eibl-Eibesfeldt). Eine homogeni-
sierte Menschheit
„setzt alles auf eine Karte“, eine in unterschiedliche Rassen, Völker, Religionen, Kulturen, Wirtschaftsräume usw. gegliederte Menschheit hin-
gegen
„hat viele Eisen im Feuer“. Vielleicht stimmt die Vorstellung vom Menschen als einem Irrläufer der Evolution, vielleicht nicht. Vielleicht ist die weiße Rasse mit ihrer Zivilisation ein Irrläufer, vielleicht können am ehesten australische Aborigines oder afrikanische Buschleute die nächsten Jahrtausende überleben — wenn sie nicht zuvor von Weißen und Schwarzen aufgesogen wurden. Niemand kann das heute wissen.

13.
Die beiden vordringlichsten biologischen Zielsetzungen dürften die Selbsterhaltung und die Arterhaltung darstellen; den dritten Rang dürfte das Streben nach Differen-
zierung einnehmen. Da Vielfalt durch Abgrenzung entsteht, liegt es nahe, daß unsere der
Abgrenzung dienenden Anlagen zwar nicht so tief in uns verankert sind wie zum Bei-
spiel Hunger (der Selbsterhaltung dienend) oder Sexualität (der Arterhaltung dienend), aber eben doch ziemlich tief — vielleicht etwa so wie Eifersucht, Ehrgeiz oder Besitz-
streben. Diese Annahme erklärt die vielen Mißerfolge der vielen gutgemeinten Bemüh-
ungen, Fremdenfeindlichkeit dauerhaft wegzuerziehen.
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