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Sippenpflege in Athen und Sparta
(Prof. Dr. Hans F. K. Günther)
Eine attische Sippenpflege [läßt sich im ganzen Hellenentum wahrnehmen], wenn auch nirgends so entschieden wie in Sparta, ein Rassenglaube, den Jacob Burckhardt so bezeichnet und eingehender dargestellt hat. Dieser Rassenglaube, ein Vertrauen zu den ausgesiebten Anlagen der bewährten Geschlechter und die Gewißheit, daß leibliche Vortrefflichkeit als ein Anzeichen geistigen und seelischen Vorrangs gelten dürfe, überdauert in Athen und bei anderen hellenischen Stämmen die Zeiten der Adelsherrschaft und der Tyrannis und reicht bei den Besten noch weit in die Zeiten der Volksherrschaft hinein. In Athens ›Blütezeit‹, einer Spätzeit der lebenskundlich gesehenen athenischen Geschichte, bricht der Rassenglaube noch einmal bei
Euripides hervor. Überall bei den Hellenen verließ man sich
„auf den Anblick der Rasse, welche mit der physischen Schönheit den Ausdruck des Geistes verband“
(J. Burckhardt); es gab einen allgemeinen hellenischen Glauben
„an Erblichkeit der Fähigkeiten“, eine allgemeine hellenische Überzeugung von der Unabänderlichkeit ererbter Eigenschaften: der Wohlgeborene sei durch nichts zu verschlechtern, der Schlechtgeborene durch nichts zu verbessern, und alle Schulung (paideusis) bedeute den Anlagen gegenüber nur wenig. Aus diesen Überzeugungen ergab sich die echt hellenische Zielsetzung der ›Schön-Tüchtigkeit‹ (kalokagathía), dieser Ausruf zuerst für die Gattenwahl und Kinderzeugung, dann für die Erziehung, die eine günstige Entfaltung guter Anlagen verbürgen sollte. Am mächtigsten bricht dieser Rassen-
glaube bei dem thebanischen Dichter Pindaros hervor (
Olympische Ode IX, 152; X, 24/25; XI, 19 ff; XIII, 16; Nemeische Ode 70 ff). Das Auslesevorbild des Wohl-
gearteten blieb bis in die Zerfallszeiten hinein in den besten Geschlechtern aller hellenischen Stämme bestehen. Die Bezeichnung gennaios enthält wie die lateinische Bezeichnung
generosus (›wohlgeboren, wohlgeartet‹) die Vorstellung edler Artung
als ererbter und vererblicher Beschaffenheit (vgl. auch Herodotos III, 81; Solon XXIII, 20 D). Herodotos (VII, 204) zählt die tüchtigen Ahnen des bei den Thermopylen gefallenen Spartanerkönigs Leonidas auf bis zu Herakles zurück. (...)
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Die staatliche Stärke Spartas wurde von den hellenischen Geschichtsschreibern der Siebung, Auslese und Ausmerze des Stammes und seiner Geschlechter zugeschrie-
ben. Xenophon hat in seiner Schrift über die Verfassung der Lakedaimonier (I, 10;
V, 9) zunächst ausgesprochen, die lykurgischen Gesetze hätten Sparta Männer ver-
schafft, die durch hohen Wuchs und Kraft ausgezeichnet seien, und dann zusammen-
fassend geurteilt:
„Es ist leicht zu erkennen, daß diese [siebenden, auslesenden und ausmerzenden] Maßnahmen einen Stamm hervorbringen würden, überragend an Wuchs und Stärke; man wird nicht leicht ein gesünderes und tauglicheres Volk
finden als die Spartaner.“
Herodotos (IX, 72) nennt die Spartaner die schönsten Männer unter den Hellenen. Die rassische Eigenart der Spartanerinnen wird durch den um -650 in Sparta wirkenden Dichter Alkman (Bruchstücke 54) gekennzeichnet, der seine Base Agesichora rühmt: ihr Haar blühe wie unvermischtes Gold über silber-
hellem Anlitz. Der Vergleich heller Haut mit dem Silber findet sich schon bei Homer. Im 5. Jh. rühmte der Dichter Bakchylides (XIX, 2) die  
„blonden Mädchen aus Lakonien“. Noch der Erzbischof von Thessalonike (Saloniki), der im 12 Jh. lebende Eustathios, der Erläuterungen zu Homer schrieb, bekundete bei Erwähnung einer Iliasstelle (IV, 141), bei den Spartanern hätten helle Haut und blondes Haar die Zeichen männlichen Wesens bedeutet.
Einsichtige Männer der anderen hellenischen Stämme haben immer die edle Art
des Spartanertums anerkannt, selbst dann, wenn ihr Heimatstaat mit Sparta im Kriege lag. Der weitblickende Thukydides (III, 83) beklagt das Schwinden des Edel-
muts und der Aufrichtigkeit bei den Dorern während des Peloponnesischen Krieges, den seine Vaterstadt Athen gegen Sparta führte. In ganz Hellas haben die Edler-
gearteten in Sparta ein Wunschbild besten Hellenentums erblickt. So hat auch Platon gedacht, dessen Vorschläge zu einer staatlichen Erbpflege dem dorischen Vorbilde folgen. Männlichkeit und Staatsgesinnung des Dorertums in Sparta, dessen Bewahrung von Maß und Würde, diese apollinischen Züge eines sich selbst beherrschenden, zum Befehl geschaffenen Edelmannstums: alle diese Wesenszüge sind von den Besten in Hellas bewundert worden. Die gefestigte Einheitlichkeit spartanischen Wesens durch die Jahrhunderte ist aber sicherlich ein Ergebnis der bestimmt gerichteten Auslese im Stamm der Spartaner gewesen, einer bewußten Einhaltung der lykurgischen Auslese-richtung.

(…) Die Spartaner achteten auf die Vererbung menschlicher Anlagen und auf die Erhaltung des Bestandes ihrer Herrenschicht. Aus Plutarchos’ Schrift über Lykurgos
ist zu ersehen, daß Sparta eine eigentliche Erbgesundheitsgesetzgebung besaß. (…) Tatsächlich bewahrt die diesem Lykurgos zugeschriebene Verfassung  auch in den
Gesetzen zur Erbpflege  indogermanische Überlieferungen, die unter den spartani-
schen Verhältnissen fortgebildet waren und im Laufe der Jahrhunderte Gesetzeskraft erhielten. Die lykurgische Verfassung möchte den Spartanern das einschärfen, was Leonidas, als er in den sicheren Untergang der Schlacht bei den Thermopylen zog, nach Plutarchos (
Über Herodots Böswilligkeit, 32) spartanischen Frauen gegenüber als sein Vermächtnis aussprach: „Heiratet Tüchtige und gebärt Tüchtiges!“ Eine solche Gesinnung der erblichen Ertüchtigung ihres Stammes war in Sparta Männern und Frauen eigen. Für alle freien Männer von gesunder Beschaffenheit bestand nach Pollux (III, 48; VII, 40) eine Heiratspflicht. Plutarchos ( (Lysandros 30) berichtet, in Sparta seien diejenigen bestraft worden, die nicht oder zu spät geheiratet oder die Erbuntüchtige geheiratet hätten. Auch nach Athenaios (XIII, 555 c/d) bestand auf Ehelosigkeit Strafe, Junggesellen wurden verachtet; sie durften bei Wettspielen
nicht zusehen, und die Jünglinge erhoben sich nicht bei ihrem Vorübergehen, wie
sie es gegenüber verheirateten  Männern taten.


(Aus: Hans F. K. Günther: Lebensgeschichte des hellenischen Volkes, Pähl 1965, S. 158f) (von uns zusammengestellt und -gefaßt)

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