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Ein Elementarereignis:
Schulers Opus Magnum
(Dr. Carlos Dufour)
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Naissance du Surhomme, Pierre-Yves Trémois, 1960


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Dietrich Schulers neues Buch ist zeitgemäß und unzeitgemäß zugleich. Es ist zeitlich angebracht, denn die Genetik wirkt sich mit gleicher Kraft, wenn seine Momente
− Mutation und Auslese − natürlich oder künstlich hervorgerufen werden. Die Gentechnologie entsteht jetzt, während die politische Entscheidungskraft schwindet. Deswegen sind wir, wie der Autor eingangs bemerkt, vor einem radikalen Umbruch, wo sich die Evolution in eine Gegenevolution umkehren wird. Die Entartung der Menschheit, als Bevorzugung dessen, was schwächer macht, ist zum ersten Mal in der Geschichte eine naheliegende Möglichkeit. Der geistige Zerfall würde diesmal mir einer biologischen Wende unwiderruflich gemacht. Wenn ein Brand entflammt, muß jemand ›Feuer!‹ rufen.
Andererseits ist das Buch unzeitgemäß, denn es widerspricht allen Denkgewohnheiten. Der Grund des ungeheuerlichen Untergangs Europas, so die These des Werkes, liegt tiefer als die Mehrheit der Kulturkritiker sich vorstellen, nämlich schon in der europäischen Annahme des Christentums. Man könnte überspitzt behaupten, die drei Offenbarungsreligionen seien in eine Reihe der Entfremdung einzustufen. Das Judentum ist, de jure und de facto, eine durchaus völkische Religion. Der Islam ist mit den arabischen Ethnien vielleicht nicht de jure verbunden, wohl aber de facto. Zuletzt zeigt sich das Christentum, obwohl in Europa verbreitet, dort institutionalisiert und theologisch entwickelt, weder de jure noch de facto ethnisch gebunden. De facto schon lange nicht mehr, obwohl hinsichtlich der Vergangenheit einige Fragen offen zur Diskussion stehen mögen. Aber es scheint sogar als ob das Wesen des Christentums, seine Bedeutung de jure, in der Ableugnung jeder ethnischen Bindung bestünde. Mit dem Christentum verlor Europa, wie schon Celsus betonte, seine vaterländischen Religionen.
Welche Leserschaft kann ein solches Buch ansprechen? Alle Nationalen stimmen freilich in einem überein, nämlich daß sich Deutschland und Europa in einer lebensbedrohlichen Situation befinden. Aber nicht wenige glauben, daß die ganze Angelegenheit lösbar ist, wenn man eine Mannschaft fähiger, unverbrauchter, ehrlicher Politiker in die Parlamente schickt, und diese bald eine patriotische Regierung bilden, die überlieferte Werte rettet. Was sonst sollen Slogans wie „Abendland fest in Christenhand“ bedeuten? Und würde ein konsequenter, europaumfassender Konservatismus, nicht alles retten, was zu retten ist?

Christianisierung als europäische Urkatastrophe

Schulers Kreatismus lehrt eben das Gegenteil:  Die Fremdherrschaft in der Religion der Europäer ist die Urkatastrophe. Alle politischen Säkularisierungen des Christentums, gegen die sich die Konservativen zurecht stemmen, verhalten sich wie verschiedene Anwendungen des gleichen Gesetzes. Wie könnten schlichte Gemüter, die sich konservativ nennen, so eine Botschaft hören? Schuler behauptet, solange man die Augen vor der religiösen Frage verschließt, werden die Folgen anhalten. Deshalb sei eine geistige Revolution nötig, nicht eine Aufbewahrung von Traditionen, sondern eine Umwertung aller Werte. Gewiß hadert das Werk mit dem widrigen Umstand, eine Antwort auf ein Problem geben zu wollen, das nur wenige erfassen.
Die Schrift umfaßt sieben Kapitel, aber zur Deutlichkeit empfiehlt sich zu sagen, daß der Text wie eine Reihe von Manövern in einem Mehrfrontenkrieg aussieht, der zugleich in Geschichte, Politik, Religionskritik und Philosophie erfolgen soll. Einerseits unruhig und chaotisch, ist der Text andererseits gelassen und ermutigend: sprachliche Klarheit, tiefe Einsichten, Mut zum Wesentlichen, gelungene Formulierungen, überraschende Analysen, Humor und Witz, Blick für übersehene Zusammenhänge. Er liest sich gelegentlich wie eine Rückkehr der fröhlichen Wissenschaft Nietzsches. Jedoch ist es genug bekannt: Wer bei Nietzsche Widersprüche sucht, wird bald welche finden.
Schuler versucht mit der Seinslehre des Kreatismus, die Jenseitstyrannei des Christentums zu sprengen. Was besagt diese Seinslehre? Sie bekennt sich zu Intuitionen, die in den indoeuropäischen Werken, von Parmenides über Bhagavadgita bis Schopenhauer, Niederschlag finden. Das Sein ist ewig, unwandelbar, mit dem Denken innig verbunden. Somit gäbe es in der vielfältigen Welt der Erscheinungen einen unzerstörbaren Kern und vielleicht eine ewige Wiederkehr.

Wesensfremde Welt der Wüstenreligionen

Das gerade Gesagte ist nur ein Wink auf etwas, das mehrere Deutungen zuläßt. Jedoch kann man schon sehen, daß diese Intuitionen − so unbestimmt sie sein
mögen − einiges ausschließen. Während das indoeuropäische Denken mit Parmenides vom Sein ausgeht, schließt es das semitische Nichts aus. Somit gibt es wenig Platz für die Vorstellung eines allmächtigen persönlichen Gottes, der durch Allmacht und Schöpfung das Nichts beschränkt. Bei diesen Vorstellungen besteht eine Spontanität des Nichts: Wir sind, von uns aus, nichts und nur Dank Gott kommen wir in die Existenz, als eine metaphysische Anomalie nur erklärbar, durch Gottes Gnade.
Zu oft wurde die sogenannte Hauptfrage der Metaphysik, warum gibt es überhaupt etwas, nicht eher nichts, durch das Eingreifen des allmächtigen Gottes beantwortet. Selbstverständlich muß ein allmächtiger persönlicher Gott einzig sei. Denn gesetzt, es gäbe zwei, wie könnte der eine Gott etwas schaffen, was der andere nicht will, wo beide allmächtig sind? Diese Gedankenwelt, wesentlich für den Monotheismus, bleibt für eine indoeuropäische Weltanschauung fremd. Hier  ist das Sein das Selbstver-ständliche, nicht das Nichts.
Auch in der komisch anmutenden Frage, warum ich gerade ich bin, kann man einen Sinn erblicken. Diese Frage ist nicht der Form, warum ist A gerade A. Das ›ich‹ hat im ersten Vorkommnis eine andere Bedeutung als im zweiten. Das erste Ich nannte man gelegentlich reines Ich, das zweite empirisches. Vielleicht hat der Leser schon eine ähnliche Erfahrung gemacht: Wir träumen von jemanden, auf den wir uns später mit der  dritten Person beziehen würden, aber entdecken im Laufe des Traumes überrascht, daß diese Person doch unser Ich ist. So kann man denken, daß der Tod dem empirischen Ich gilt, nicht dem reinen. So verstanden, kann die Möglichkeit einer Wiedergeburt nicht ausgeschlossen werden. Dieser Gedanke widerspricht den gängigen Vorstellungen von Seele und Jenseits.
Obwohl der Rezensent diese Intuitionen bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann und ich ihnen gegenüber nicht feindselig stehe, findet er einige Bedenken hier angebracht. Intuitionen in dieser Form sind nur Skizzen, die erst nach einer Begriffsklärung eine wohldefinierte Gestalt gewinnen und uns polemische, paradoxe oder bedeutungstragende Folgerungen ermöglichen. Man muß irgendwann wissen, was man genau in Wahrheit meint. Nach der Phase der Definition muß das Gemeinte auch ein dialektisches Moment als Feuerprobe bestehen, schließlich gab es nicht nur das Poem des Parmenides, sondern die Argumente des Zenons. M. a. W. muß man auch wissen, ob das Gemeinte wahr ist.
Solche definierenden und dialektischen Anstrengungen vermisse ich manchmal in Schulers Text, der manchmal so klingt, als ob man fehlende Begründungen mit Emphase ausgleichen könnte (siehe zum Beispiel S. 43-45 bzgl.  Unmöglichkeit Gottes oder Nietzsches Irrtum). Ein Agitator kann die Stimme rauh erheben, wo sein Argument sonst schwach ausfällt − der Philosoph darf es nicht. Diese Einwände sind teilweise dadurch zu relativieren, daß der Autor absichtlich in einer für uns alle extrem kritische Lage einen Mehrfrontenkrieg austrägt.

Geschichtliche und politische Analysen

Die Mehrheit der geschichtlichen und politischen Analysen sind gut gelungen, überzeugend und  witzig (siehe S. 118: „Das Wort Bismarcks ›Wir deutsche fürchten Gott und sonst nichts in der Welt‹ wurde berühmt. Doch ich fürchte, daß damit bereits zuviel gefürchtet wurde“, oder S. 217: „Die Historie des Judentums ist die Geschichte von 3000 Jahre Apartheit“). Nur hier und da kann man Zweifel hegen, wie stichhaltig die Ausführungen sind. Zum Beispiel, wenn man eine Achse Paris-Berlin-Moskau (vgl. S. 290f) ablehnt, angesichts der Fremdbestimmung der BRD, Frankreichs Bindung mit dem Westen und Rußlands ethnischer Zusammensetzung. Oder wenn der Autor (siehe S. 134) sich ohne weitere Prüfung auf das Rakowski-Protokoll beruft. Der Inhalt dieses Protokolls ist zuerst beeindruckend, aber gleich drängen sich hier berechtigte Zweifel an seiner Echtheit auf. Die einzige Quelle ist das Buch Sinfonía en Rojo Mayor von Mauricio Carlavilla, einem Polizeibeamten unter Franco, der vielleicht alles gefälscht hat. Es wird im Protokoll selbst keine nachprüf-bare Begebenheit erzählt, die man nicht zuvor kannte. Jedenfalls kennt niemand einen Originaltext des Protokolls und, soweit bekannt ist, fehlt bis jetzt jede Spur in den russischen Archiven.
Diejenigen Leser, die zunächst das Werk als zu abstrakt empfinden, können die Reihenfolge anders gestalten und den Eingang im zweiten Kapitel suchen, wo die Tragödie der Hitlerschen Außenpolitik durchleuchtet ist. Von dort aus können sie sich nach dem eigentlichen Anfang bewegen.