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Was sind die Gründe für einen Kirchenaustritt?
(Dr. Wieland Hopfner)
Die Formalitäten sind schnell erledigt: Auf dem Standesamt muß man eine Erklärung über den Austritt aus einer Religionsgesellschaft abgeben und unterschreiben. (In einigen Bundesländern gebührenfrei, sonst je nach Einkommen bis zu 50 Euro). Das Standesamt meldet den Austritt an das zuständige Kirchensteueramt weiter. Dieses sammelt zunächst die Austritte und reicht diese an das Dekanat weiter. Dort werden sie namentlich erfaßt und dann den betreffenden Kirchengemeinden zugeleitet. Hier wird die Meldung ins Austritts-Register eingetragen. Außerdem wird der Kirchenaus-
tritt im Taufbuch der Kirchengemeinde vermerkt, in welcher der/die Ausgetretenen einst getauft wurden. Durch den Kirchenaustritt wird nach Ansicht der Kirchenfunk-
tionäre die Taufe nicht rückgängig gemacht, und die Ausgetretenen werden weiterhin als ›Glieder am Leibe Christi‹ betrachtet, wie es in schwülstigem Kirchendeutsch heißt. Die Taufe, zu deren Erteilung wir überhaupt nicht gefragt wurden, als wir
seinerzeit in die Kirche eingetreten wurden, soll uns angeblich ein ›unauslöschliches Siegel‹ verpaßt haben. Da unterschätzen die Kirchenoberen aber unsere Menschenart – Wasser hat uns noch nie etwas ausgemacht, und orientalischer Symbolismus von der christlichen Art hat auch seine komischen Seiten… Kirchenaustritte werden natürlich von den Bischöfen nicht gern gesehen, immerhin geht ein Kirchensteuer-
zahler verloren. Hingegen rufen Angriffe auf die Glaubensartikel der Kirche dort oben keine Reaktionen hervor. Nur wenige Pastoren glauben das, was sie predigen, selbst. Austritt aus der Kirche bedeutet aber Angriff auf den christlichen Klingelbeutel, und das hat die Kirche noch nie widerspruchslos hingenommen.
Eine Umfrage unter Pastoren in der Stadt Hannover ergab, daß zwei Drittel der Pastoren bei Kirchenaustritten „nichts tun“. Vielleicht sähen Herr Pastor lieber offi-
zielle Zwangsmaßnahmen gegen die Ausgetretenen? Diesbezügliche Vorschläge wurden von der ›Jungen Union‹ Bayerns kürzlich gemacht: Austrittswillige sollten mittels einer ›Kulturabgabe‹ nochmal kräftig abgezockt werden, ehe sie die Kirche verlassen dürften! Andererseits betonen die christlichen Würdenträger, daß gegen-
über uns Ausgetretenen oder ›Nie drin Gewesenen‹ das christliche ›Liebesgebot‹
― Liebe wird im Christentum tatsächlich ›geboten‹ ― auch gelte. Da heißt es, sich in acht nehmen. Diese Art von tödlichen Umarmungen kennen wir.

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Was sind die Gründe für einen Kirchenaustritt?

Obwohl die Kirchenaustritte höchst individuelle Entscheidungen sind, werden sie doch stark vom herrschenden Zeitgeist beeinflußt. Nach dem I. Weltkrieg, der trotz christlicher Waffensegnungen verloren wurde, traten vorwiegend die marxistisch beeinflußten Kreise der Arbeiterschaft aus der Kirche aus. Erstaunlicherweise traten Anfang der dreißiger Jahre öfter erzkonservative Menschen aus der Kirche aus mit der Begründung, be-
stimmte Pfarrer würden sich zu sehr nationalsozialistisch betätigen. Nach der Machtübernahme war die Zahl der Kirchenaustritte zunächst sehr niedrig, stieg dann aber steil an. Als Begründung wurden häufig die ge-
wonnenen Erkenntnisse über die Machenschaften der internationalistisch aufgebauten Kirchen und ihrer Finanzimperien genannt. Dies vertrug sich nicht mit dem eigenen Streben nach Sauberkeit, Lauterkeit oder Wahrhaftigkeit. Nach dem II. Weltkrieg traten die Opportunisten schnell wieder
in die Kirche ein. Bis Ende der sechziger Jahre gab es kein Klima für Kir-
chenaustritte. Wer in dieser Zeit austrat, folgte nicht irgendeinem Trend.
Er hatte Klarheit darüber gewonnen, was die Kirchen wirklich sind, welche entsetzliche Schuld an ihren Händen klebt; und welchen zerstörerischen Einfluß sie auf unsere Menschen ausüben. Diese Menschen suchten Wege
zu einem neuen, heidnischen Glauben aus dem Erbe unserer Ahnen – so
wie das schon in Anfängen um 1900 und später erkennbar geworden war. Die ›Artgemeinschaft‹ ging aus diesen Bestrebungen u. a. hervor.

Mit der Bewußtseinsveränderung am Ende der sechziger Jahre traten nun Hunderttausende aus den Kirchen aus. Viele wollten nicht einsehen, warum die Kirchen per zwangsweise eingezogener Kirchensteuer (l996 waren das 13,6 Milliarden DM) künstlich am Leben erhalten werden, obwohl sie uns außer einigen orientalischen Fabeln doch nichts zu sagen haben. Andere merkten, daß insbesondere die Evangelische Kirche sich durch ungerecht-
fertigte kollektive Schuld- und Bußzuweisungen an das deutsche Volk in einen Gegensatz zu den Interessen des eigenen Volkes stellte. Ausschlag-
gebend aber dürfte das Schwinden christlicher Überzeugungen und Ver-
haltensweisen sein. Man begreift endlich die Jahrtausende alte ständige Bevormundung in allem und jedem durch die Kirche, die vielen Generatio-
nen unserer Vorfahren erst das Geld und dann das Lebensglück gestohlen hat.


Wie sehen die Zahlen aus?


In Nordrhein-Westfalen entschieden sich kürzlich rund 31000 Schüler gegen die Teilnahme am Religionsunterricht. Während 1950 noch 12 % der Protes-
tanten den Sonntagsgottesdienst besuchten, waren das 1995 nur noch 3,2 % . Rund 25 % aller Neugeborenen werden nicht mehr getauft. Jährlich treten etwa 220 000 Protestanten aus der Kirche aus. Bei den Katholiken sind das etwa 183 000. Der Anteil der Bundesbürger, die sich formal zu einer Kirche bekennen, sank von 93,6 % (1970) auf 65 % (1995). Weltweit haben die lutherischen Kirchen im Jahr 1995 rund zwei Millionen Mitglieder verloren. Rund 800 000 Mitglieder verließen in den letzten 25 Jahren die katholische Kirche in Österreich. Untersuchungen haben ergeben, daß junge Leute eher austreten als ältere. Akademiker treten erheblich häufiger aus als Menschen niedrigeren Bildungsstandes.

Was kommt nach dem Kirchenaustritt?

Aus der Kirche austreten ist einfach – die Schwierigkeiten fangen meist erst danach an. Wer diesen Schritt getan hat, muß in den darauf folgenden Zei-
ten ein gewisses Maß an Stehvermögen und Beherztheit an den Tag legen. Schwierigkeiten könnte es in der eigenen Familie geben, wenn die christli-
che Elterngeneration noch Macht- und Geldmittel in der Hand hat., was zu erheblichen Störungen z. B. des Lebensunterhalts führen kann. Auch muß daran gedacht werden, daß die christlichen Berufskollegen uns schief anse-
hen können. Christen scheren sich um das als Alibi dienende ›Liebesgebot‹ uns Heiden gegenüber erfahrungsgemäß nicht!


Was ist mit den eigenen Kindern?


Nach dem Kirchenaustritt müssen die Kinder nicht mehr in den zwangs-
weise verordneten Religionsunterricht gehen. Die Schulordnungen schreiben bestimmte Maßnahmen vor, was die Kinder in den freien Stunden tun sol-
len. Ganz wichtig ist es, den Kindern anstelle der christlichen eine unserem Wesen entsprechende Ethik zu geben und ihnen die christlichen Denk-
schemata wie ›Sünder sein‹, aus einem ›Jammertal erlöst werden müssen‹ usw. als nicht unserem Wesen entsprungen zu entlarven. Vielleicht wird
den einen oder anderen kurz nach dem Kirchenaustritt noch so eine Art ›schlechtes Gewissen‹ befallen. In dieser Phase wirken die uns vom Chris-
tentum gezielt eingebleuten ›Rückkopplungen‹. Aber ganz allmählich wird einem das Wort ›Ich bin ein Heide‹ immer flüssiger über die Lippen kom-
men, und nach und nach wird sich ein Gefühl der Freiheit einstellen, wie man es wohl nie zuvor in seinem Leben kannte. Und eines Tages fühlt man sich den dumpf im Christentum Dahindämmernden überlegen – und man ist es auch, denn man hat zu sich selbst zurückgefunden.

Weiterführender Verweis: http://www.kirchenaustritt.de/